Choi Sung Ho

Choi Sung Ho

Choi Sung Ho war von 1982 bis 1993 aktiver Schütze und mehrfacher Gewinner von koreanischen Meisterschaften sowie Rekordalter. Von 1995 bis 2009 arbeitete er als Trainer für ein Universitäts-Team in Korea, das koreanische Nationalteam und in Europa für das Nationalteam von Luxemburg.

Am 23. März 2013 hatte Erdal Tapan www.est-bogensport.de zum ersten Teil seiner dreiteiligen Vortragsreihe in seinen neu bezogenen Räumlichkeiten in Berlin eingeladen Der Seminarleiter Choi gab uns eine umfangreiche Einführung in das Lehrsystem der koreanischen Bogensportwelt.

Sein Leitsatz für diesen Tag lautete:

Anfänger im Bogensport sind überall auf der Welt gleich

Choi erklärte uns (20 Trainer aus Berlin und 2 Trainer aus Hamburg), dass der Bogensport in koreanischen Schulen zu einer Schuleinheit gehört wie z. B. hier in Deutschland Geräteturnen oder Mathe. Die Schüler ab der 4. Klasse (ca. 10 Jahre alt) haben täglich zwei bis vier Stunden Bogensport im normalen Schulalltag integriert. Die ersten vier bis sechs Wochen trainieren alle Schüler ausschließlich mit einem Gummiband.

Bevor die Schüler zum Bogensportunterricht zugelassen werden, müssen sie sich einer anatomischen Prüfung unterziehen. Wenn der Trainer feststellt, dass der Bogenarm des Schülers zu weit ausgedreht ist und die anatomischen Gegebenheiten es nicht hergeben, dass der Schüler den Bogenarm eindrehen kann, wird ihm gesagt, dass er sich eine andere Sportart suchen muss. Die Trainer sind ausgebildete Sportlehrer mit einer zusätzlichen Bogensportlizenz.

Übrigens; auch in Korea ist die beliebteste Sportart Fußball! Nur wenige Schüler sind traurig, wenn sie statt Bogensport Fußball spielen „müssen“.

Nach ca. sechs Wochen Training mit einem Gummiband dürfen die Schüler an einen Bogen - allerdings ohne Pfeile. Sie müssen in dieser Phase (zwei bis vier Stunden täglich) den Bogen „trocken“ ausziehen, dürfen aber selbstverständlich nicht lösen. Je nachdem, wie talentiert der Schüler ist, kann auch diese Phase mehrere Wochen tägliches Training bedeuten.

Der Trainer achtet in dieser Phase ganz besonders auf zwei Punkte: den Anker und die Bogenschulter.

Nach der "trockenen" Phase darf der Schüler endlich mit Pfeilen (auf einer Strecke von fünf Metern) schießen. Der Trainer achtet weiterhin besonders auf den Anker und den Bogenarm. Das Training dauert nach wie vor täglich zwischen zwei und vier Stunden. Es werden möglichst viele Pfeile pro Passe geschossen (im Schnitt mindestens 10), damit der Schüler so schnell wie möglich auf sein späteres Tagespensum von mindestens 1.000 Pfeilen kommt.

Bei einem so intensiven Trainingspensum ist die Zugkraft von anfänglich 16 bis 18 lbs. (Pfund) schon nach kurzer Zeit zu gering. Bereits nach ca. einem Jahr erhalten die Schüler (dann ca. 11 Jahre alt) eine Bogensportausrüstung, die der Ausrüstung von Leistungsschützen aus der Nationalmannschaft entspricht. Im Klartext: Die teuerste Marke (in Korea nach wie vor W&W) sowie eine Zugkraft von bis zu ca. 30 lbs. Alles gefördert und finanziert durch den koreanischen Staat und durch Sponsoren.

Für den Schüler heißt es nun, sich von der immer noch breiten Masse abzuheben.

Angefangen hat der einzelne Schüler mit 10 bis 12 Jahren mit ca. 1.000 Mitschülern. Nach einem Jahr sind nur noch 500 Schüler am Start. Die Zahl der Schüler reduziert sich jährlich um ca. ein Drittel bis hin zur Hälfte. Wer sich durchbeißt, kann in Korea in sehr kurzer Zeit und bereits in sehr jungen Jahren viel Geld bei Turnieren verdienen. Einer der Hauptsponsoren des Bogensports ist z. B. Hyundai, dessen Geschäftsführer selber ein begeisterter Bogensportler ist.

In Korea wird ausschließlich ‚Rechtshand’ trainiert. Choi begründet dies damit, dass das Training sowieso mit beiden Augen stattfindet und dass es für die Trainer schwer wäre, dem Schüler die Abläufe spiegelverkehrt vorzumachen.

Eine Standardübung ist es, beide Augen für mindestens 60 Sekunden offen auf einen kleinen Punkt zu richten; also auch nicht zu blinzeln. Diese Übung wiederholt man bis zu 30 x pro Trainingseinheit. Das Auf- und Abwärmtraining dauert jeweils mindestens 30 Minuten (ab einer Trainingseinheit von vier Stunden).

Choi berichtete von einer Uni-Mannschaft aus Korea, die er trainieren sollte, als das Team sehr schlecht war. Er fing mit einer Trainingszeit von 6 Uhr morgens bis 22 Uhr an. Alle 50 Minuten 5 Minuten Pause. Geschossen wurden zwölf Pfeile pro Passe auf einer Distanz von 70 Metern. Beim Holen der Pfeile mussten alle Bogensportler die 70 Meter zur Zielscheibe und zurück laufen und anschließend sofort weiter schießen. Keiner der Studenten hatte sich dagegen aufgelehnt und nach nur einem Jahr war die Uni-Mannschaft sehr erfolgreich und gewann viele Preisgelder. Daraufhin schafften es zahlreiche Mitglieder dieser Uni-Mannschaft in die begehrten und hoch dotierten "Business-Teams" des Landes.

Ähnliche Trainingszeiten (16 Stunden) hat Choi bei dem Nationalteam von Luxemburg einzuführen versucht. Er sagte bei seinem Vortrag mit einem sanften Lächeln, dass das auf ganzer Linie gescheitert sei. Die Leistungssportler hatten es nicht eingesehen, so viele Stunden am Tag zu trainieren. Selbst die Erfolge der koreanischen Uni-Mannschaft konnten die Leistungssportler aus Luxemburg nicht überzeugen.

Choi hat in den vergangenen Jahren in Europa viele talentierte Bogensportler beobachtet. Niemand wäre dazu bereit gewesen, wirklich hart zu trainieren. Dabei seien die anatomischen Voraussetzungen von europäischen Bogensportlern weitaus besser als die der Koreaner. Für Choi ist diese Haltung sehr unverständlich. Es scheint so, dass er wegen dieses Unmuts seinen Posten als Handelsvertreter für W&W übernommen hat; jedenfalls macht er auch diesen Job extrem gut. Nur ein Blick und Choi weiß sofort, welches W&W-Mittelstück oder welche Wurfarme man ihm gerade vorlegt. Er ist ein Meister im Einstellen von Bögen und überzeugt, dass sich kein anderes Fabrikat so exakt justieren lässt wie das W&W-Material. Und wenn er mit einem charmantem Lächeln sagt, dass das von ihm erwartet wird, dann nimmt man ihm das auch ab.

Choi selbst hat mit 13 Jahren innerhalb von einem Jahr so viele Preisgelder gewonnen, dass sich seine Familie damit ein Haus hätte kaufen können.

In Korea gibt es keine Indoor-Wettbewerbe. Alle Turniere finden draußen statt. Entsprechend sind die Distanzen, auf die geschossen wird, generell größer.

Ralph
Über die AutorInnen

In meiner Freizeit lese ich gern und höre (vorrangig Rock-)Musik. Als jahrelanger HSV-Fan freue ich mich sehr, dass ich regelmäßig Stadionführungen für 'meinen' Verein durchführe.

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