Mit dem Ziel vor Augen die innere Ruhe finden

Mit dem Ziel vor Augen die innere Ruhe finden

Bogensport – ein Weg zu sich im Fluss der eigenen Energie

Am 30. Mai 2000 sagte  der damals 35-jährigen ein Neurologe in Tokyo ganz ohne Umschweife: „Sie haben MS.“

Durch eine schlimme Sehnerventzündung fast blind und mit der Diagnose einer unheilbaren Erkrankung. Das Stipendium, das sie gut anderthalb Jahre zuvor in die japanische Metropole geführt hatte, sollte erst in etwa zwei Monaten zu Ende gehen.

Zwei Jahre Sprache und Praxis in Japan,

ein Stipendium vom DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst), in das die Diplomarchitektin eher zufällig hineingestolpert war und das sie mehr auf Trab hielt als ihr guttat. Denn abgesehen von zwanzig Jahren Karate und den damit verbundenen japanischen Begrifflichkeiten, wusste die damals 35-jährige anfangs nicht viel vom Land der aufgehenden Sonne und noch weniger vom unglaublich hektischen Tokyo; einer Stadt, die nie zu schlafen zu schien.

Auch die Zeit der Stipendiaten war gezeichnet von Stress und Anspannung, von vielen Terminen und der Herausforderung, alles auf japanisch meistern zu müssen. Dass es ihr nicht gut ging, hatte Sofia in der allgemeinen Betriebsamkeit offensichtlich einfach ignoriert. Bis der Körper selbst die Notbremse zog:

„Irgendwann war mein Sichtfeld nicht nur extrem eingeschränkt, ich hatte zudem das Gefühl, durch zentimeterdickes Milchglas zu schauen“.

„Das geht wieder weg; irgendwann...“,

ließ der japanische Augenarzt gelassen und mehr nebenbei vernehmen. Mit einer Therapie solle sie lieber erst in der Heimat beginnen, empfahl der Neurologe freundlich und ebenso ruhig. Die bald beginnende Regenzeit mit ihrem feuchtwarmen Klima sei ohnehin ungünstig für Menschen mit MS. Einen guten Monat blieb Sofia noch. „Vor allem, weil ich auf keinen Fall das Stipendium abbrechen wollte“.

An die Fortsetzung des Jobs in der Consultingfirma war allerdings nicht mehr zu denken. Für den Chef war ohnehin klar: „Wer krank ist, kommt nicht zur Arbeit; ganz gleich, ob Japaner oder Europäer, Angestellter oder Stipendiat. Die weitere Zahlung des Gehalts indes war selbstverständlich. Mehr noch: Auch Jahre später erkundigte sich der höfliche japanische Herr nach Sofias Befinden. Eben diese Höflichkeit war es, die sie - zurück in Deutschland - am meisten vermissen sollte. Ein gutes Jahr habe es gedauert, bis sie sich wieder einigermaßen eingelebt hatte; in Norddeutschland und mit der „mitgebrachten“ Erkrankung.

Werde ich mich wieder normal bewegen können?

sitzend-behindertensportViel schwerer, erzählt die heute 47-jährige, habe sie sich mit der Vorstellung getan, dass sie sich möglicherweise niemals wieder würde normal bewegen können. Größtenteils war es wohl reine Kopfsache. Ab und zu kam ein Schub und meistens war der Sehnerv betroffen. Die Diagnose selbst habe sie nicht an sich heran gelassen. Vielleicht sei das bis heute so geblieben...

Trotzdem hatte Sofia gleich nach der Diagnose Einiges in ihrem Leben geändert: Keine Zigaretten mehr, kaum noch Alkohol und eine gesunde Ernährung.

Später erst kam dann der Wunsch, wieder eine regelmäßige sportliche Betätigung zu haben, die sie erfüllen würde. So wie einst Karate…

„Jetzt wollte ich unbedingt eine Sportart im Freien machen, bei der ich mich aber gleichzeitig möglichst nicht zu viel bewegen musste“. Eine Sportart, so sagt sie, die sie auch dann noch würde ausüben können, wenn es hart auf hart käme und die MS möglicherweise körperliche Einschränkungen nach sich ziehen würde. Ein Freund nahm sie mit auf den Golfplatz, aber gefesselt habe sie das nicht. Foto = Training im Sitzen

Foto von Dennis Koep Presse- u. Öffentlichkeitsarbeit Hamburger Sportbund (HSB) - 13. Juli 2013 "Integration durch Sport" im Rahmen des Sommerferienprogramms des SV Lurups.

„Liebe auf den ersten Schuss“

Anders beim Bogensport. „Es war Liebe auf den ersten Schuss. Ich hatte immer gedacht, dass man viel Kraft zum Ausziehen der Sehne benötigt. Gleich beim ersten Versuch ging der Pfeil in die Mitte; die nächsten Pfeile folgten und ich hatte ihn: den Bogensport-Virus!“

Bis heute ist sie dabei geblieben. Mehr noch; sie hat inzwischen ihren Trainerschein (C-Lizenz) gemacht und mit ihrem Lebensgefährten Ralph eine Bogensportschule gegründet. Über den SV Lurup werden regelmäßig Schnupperkurse angeboten. Inzwischen findet dreimal wöchentlich das Training für die Mitglieder des Vereins statt, die den Bogensport über einen solchen Kurs kennengelernt haben.

dreier-spot-hallenturnierAuf einem Restbauernhof in Neuendorf bei Elmshorn führen die beiden Bogenschützen neben weiteren Schnupperkursen auch Seminare durch. Hier kann man, in ländlicher und idyllischer Ruhe, auf einer neuen Außenanlage nach Herzenslust nicht nur trainieren und dabei entspannen, sondern zwischendurch - zu Fuß oder mit dem Rad - die Umgebung erkunden. Selbst Übernachtungsmöglichkeiten für Besucher, die nicht in der näheren Umgebung wohnen, sind vorhanden.

Bogenschießen, erzählt Sofia, bedeutet immer auch eine „Auszeit vom Alltag“. „Man bekommt dann rechts und links nicht mehr viel mit.“ Es sei eine hohe Kunst, die einen ganz in ihren Bann zieht, sobald man den Bogen in die Hand nimmt. Das ist der Moment, in dem nichts Anderes mehr wichtig ist. Nur Pfeil und Bogen, die volle Konzentration auf sich und das, was man gerade tut, die Koordination der Bewegungsabläufe und nicht zuletzt das Ziel, das man beim Bogensport ja stets vor Augen hat und das sich so schnell erreichen lässt.

„Man lernt nie aus“

„Ich selbst habe durch den Bogensport und das Unterrichten viel dazugelernt und bin weit über meine bisherigen persönlichen Grenzen gekommen. Dafür bin ich dankbar. Wenn ich jetzt von Berufungen lese oder höre, weiß ich endlich, wovon die Rede ist. Den Bogensport mit viel Enthusiasmus und Liebe zum Detail weiter zu vermitteln, ist mir eine große Freude.“

gruengurt-koecher-bogenstaenderDabei wird jeder Schüler immer wieder dazu angeleitet, sich selbst zu beobachten und seinen Körper bewusst wahrzunehmen. Es gebe nur wenige Sportarten, in denen das so gut gelingt, versichert die Trainerin, die Interessierte aller Altersstufen unterrichtet. Menschen, die kerngesund sind und solche, die mit körperlichen Einschränkungen zu tun haben.

Kurse für MS-Betroffene

„MS-Erkrankten bieten wir Kurse an, in denen sie auf Wunsch unter sich bleiben können“ erzählt Sofia. Einigen MS-Betroffenen sei das sehr wichtig und das sollte respektiert werden.

Bogenschießen - inzwischen im Programm zahlreicher therapeutischer Einrichtungen - stärkt nicht nur den Rücken, sondern auch Geist und Seele und ist gerade für Menschen mit neurologischen Erkrankungen ein idealer Sport. Vom Jugendlichen mit ADHS über den Berufstätigen mit Burnout-Symptomen bis hin zu Menschen mit Multipler Sklerose.

Denn das Spiel mit Pfeil und Bogen kräftigt langfristig die Rumpfmuskulatur und schult Koordination und Konzentration. Als beinahe meditativ empfinden viele Bogenschützen ihre Trainingseinheiten: Sich konzentrieren, den Bogen in einer fließenden Bewegung heben, spannen und dann den Pfeil loslassen. Es ist die Kombination aus Anspannung und Loslassen, die am Ende so entspannend wirkt und vielen Teilnehmern Kraft und innere Ruhe schenkt.

Nur wer den Kopf frei hat, trifft sein Ziel. Selbstsicherheit, Kraft und innere Ruhe gehören zu den Dingen, die man gewinnt, wenn man regelmäßig am Bogen trainiert.

Artikel von Tanja Fuchs (FSKOM), die mich am 5. Juli 2013 "nur kurz" interviewen wollte. Aus der extrem kurzen Einführung mit Hilfe eines Thera-Bandes und eines Technikbogens wurden fast 90 Minuten (hoffentlich war ihr Chef nicht sauer ;-). Herausgekommen sind ein toller, kurzer Schnupperkurs und einige schöne - nicht nur fotografische - Erinnerungen:

theraband-training-links  technikbogen-training

 

 

 

 

 

 

auch Tanja musste sowohl die rechte als auch die linke Seite trainieren - so wie unsere Schüler auch.

http://www.floriani-apotheke.de/fileadmin/upload/neurovision/oktober2013/neurovision_1013.pdf

 

 

Sofia
Über die AutorInnen

Ein Weg zu sich im Fluss der eigenen Energie. Wer an Selbstheilung glaubt, lebt länger. Bogensport ist für mich heilsam - ich komme runter, vergesse meine Umwelt und bin mit mir im Reinen.

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